
Automatik, Störlärm, Richtmikrofone: ReSound Sensia und seine KI
ReSound hat für die Entwicklung seiner neuesten Premium-Hörsystemfamilie ReSound Sensia vor allem die Automatik ins Visier genommen. Der entscheidende Fortschritt gegenüber dem Vorgänger Vivia liegt in einer überarbeiteten Steuerungslogik: Nun entscheidet das Hörsystem selbstständig, wann welche Funktion zum Einsatz kommt. Im Zentrum steht hier das neue Automatik-Hörprogramm: Intelligent All-Around. Es beschreibt ein Zusammenspiel aus drei Funktionen auf Basis von GNs neuester KI-Plattform, die sicherstellen, dass die Hörsituation nicht nur treffsicher gedeutet, sondern auch die passenden Einstellungen automatisch vorgenommen werden.
Intelligent All-Around – das zugrundeliegende Konzept der aktuellen Premium-Generation ReSound Sensia – beschreibt einen Dreiklang intelligenter Funktionen: AcoustIQ, DNN-Störgeräuschreduzierung und 4-Mikrofon-Beamforming. Letzteres gab es bereits bei der Vorgängergeneration Vivia, musste dort allerdings noch manuell über ein separates Hörprogramm aktiviert werden. Das ändert sich bei Sensia durch AcoustIQ, die neue Umgebungsklassifizierung.
AcoustIQ bestimmt, ob und wann das 4-Mikrofon-Beamforming oder die DNN-Störgeräuschreduzierung eingesetzt werden – und genau darin liegt der eigentliche Fortschritt: Ein leistungsfähiges DNN oder ein 4-Mikrofon-Beamformer nützen schließlich wenig, wenn die Automatik nicht zuverlässig erkennt, wann sie gebraucht wird.
AcoustIQ ist also die neue Umgebungsklassifizierung. Sie analysiert fortlaufend Lautstärke, Tonhöhe und Signal-Rausch-Verhältnis und ordnet die Umgebung einer von mehreren Kategorien zu. In durchgeführten Tests erreichte AcoustIQ laut ReSound eine Klassifikationsgenauigkeit von 91 Prozent; die meisten Fehleinordnungen traten in besonders komplexen Situationen auf, in denen zwar Sprache vorhanden, aber nicht dominant war.
Nur weil ein Hörgerät die Umgebung richtig erkennt, heißt das aber noch nicht, dass es auch die passenden Funktionen aktiviert. Das ist eine separate Messgröße: In einer zweiten Untersuchung testete ReSound sowohl die korrekte Erkennung von Sprache, Lärm und Sprache-im-Störschall als auch, ob anschließend die passende Direktionalität und Störgeräuschreduzierung aktiviert wurde – jeweils im Vergleich zu einem konkurrierenden Premium-Hörsystem.
Hier erzielte AcoustIQ eine um 88 Prozent höhere Trefferquote als die nächstbeste Premium-Lösung. Bemerkenswert war laut ReSound ein Einzelfall: Bei reinem Lärm aus Mixer- und Staubsaugergeräuschen aktivierte ein Wettbewerbergerät weder Direktionalität noch Störgeräuschreduzierung – ein Beispiel, das ReSound anführt, um zu zeigen, warum die richtige Aktivierung mindestens so wichtig ist wie die reine Klassifizierung.
1Groth et. al. (2023), 2Groth & Cui (2026)
Genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied zur vorherigen Vivia-Generation: Dort gab es mit dem 4-Mikrofon-Beamforming zwar bereits ein leistungsfähiges Feature, das jedoch nur als manuell auswählbares Programm zur Verfügung stand. Bei Sensia übernimmt AcoustIQ diese Entscheidung automatisch:
Wird eine Situation als besonders komplex eingestuft, etwa weil mehrere Sprecher und Störgeräusche gleichzeitig auftreten, schalten sich die entsprechenden Funktionen direkt im automatischen Hörprogramm hinzu, ohne dass der Träger etwas dafür tun muss. In ruhigeren Situationen bleibt das Klangbild dagegen bewusst offener und weitgehend omnidirektional, damit die räumliche Wahrnehmung nicht unnötig eingeschränkt wird.
Die Automatik unterscheidet dabei zwischen drei Grundhaltungen: offen in Ruhe, eine asymmetrische “Better Ear”-Strategie bei moderatem Störgeräusch (eine Seite wird stärker gerichtet, die andere bewahrt ein breiteres Klangbild) sowie der stärkste Modus, Intelligent Focus, der den binauralen 4-Mikrofon-Beamformer mit der DNN-Störgeräuschreduzierung kombiniert.
Die zweite wesentliche Neuerung gegenüber Vivia betrifft die Störgeräuschreduzierung selbst: AcoustIQ orchestriert nicht nur das 4-Mikrofon-Beamforming, sondern entscheidet auch, wann die DNN-Störgeräuschreduzierung zum Einsatz kommt – und wann nicht.
Viele klassische Lösungen arbeiten regelbasiert: Sie schätzen ab, wann Sprache vorhanden ist, messen in sprachfreien Abschnitten das Rauschspektrum und senken dann nach festen Regeln die Verstärkung in bestimmten Frequenzbändern ab. Das funktioniert gut, solange sich Störgeräusche einigermaßen gleichmäßig verhalten. Bei komplexeren, unvorhersehbaren Umgebungen – zum Beispiel wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen – stößt dieser Ansatz an seine Grenzen.
Die DNN-Störgeräuschreduzierung geht hier anders vor: Sie wurde mit großen Mengen an Trainingsdaten darauf trainiert, Sprache von Störgeräuschen zu unterscheiden, und kann dadurch auf Erfahrungswerte aus ähnlichen Situationen zurückgreifen und flexibler reagieren. Das macht es besonders geeignet für dynamische Hörumgebungen.
Allerdings hat auch das DNN eine Schwäche: In Umgebungen, die überwiegend von nichtsprachlichem Lärm geprägt sind – etwa einem Staubsauger oder Ventilator –, hat ein auf Sprache trainiertes Netzwerk wenig verwertbare Information und kann unerwünschte Artefakte erzeugen. In solchen Fällen greift Sensia stattdessen auf ReSounds etabliertes, regelbasiertes System Noise Tracker II zurück. AcoustIQ entscheidet situationsabhängig, welcher der beiden Ansätze besser passt, und wechselt bei Bedarf zwischen ihnen.
Die volle KI-Unterstützung mit Intelligent-All-Around-Automatik und automatischer DNN-Störgeräuschreduzierung bleibt zunächst dem Sensia SN960S-DRWC micro RIE vorbehalten. DNN-Unterstützung im Störlärm steht auch auf der niedrigeren Technikstufe 7 zur Verfügung – dort jedoch weiterhin über ein manuell auszuwählendes Hörprogramm, ohne die vollständige automatische Steuerung durch AcoustIQ. Aber auch in den darunterliegenden Technikstufen setzt ReSound Sensia auf moderne Signalverarbeitung: AcoustIQ und 4‑Mikrofon-Beamforming basieren auf GNs neuester KI-Plattform und sorgen für leistungsstarke Funktionen in allen Technikstufen. Weitere Infos gibt es hier.
Der Beitrag Automatik, Störlärm, Richtmikrofone: ReSound Sensia und seine KI erschien zuerst auf pro.meinhoergeraet.de .
meinhoergeraet.de
AR
Admin RSS
Kommentare
Zum Kommentieren anmelden