Demografie verspricht, Konsumklima bremst: Warum der Hörakustikmarkt nicht stärker wächst

Mehr Senioren, wenig Rückenwind: Wo bleibt der Aufschwung in der Hörakustik? Mehr ältere Menschen, mehr Akzeptanz, zufriedene Hörgeräteträger: Eigentlich müsste der Hörakustikmarkt kräftig wachsen. Doch zwischen demografischem Potenzial und tatsächlichem Geschäft in den Fachbetrieben klafft eine deutliche Lücke. Während die Zahl der Menschen ab 65 Jahren steigt, bleiben viele Verbraucher bei größeren Ausgaben vorsichtig. Das schwache Konsumklima drückt in der Hörakustik schon seit Jahren mehr als deutlich. Wie groß ist der zusätzliche Kundenkreis bis 2030 wirklich? Und warum lassen sich aus mehr Hörverlust nicht automatisch mehr verkaufte Hörgeräte ableiten? Die Kunden von morgen sind schließlich schon da: Warum die Hörakustik kein eben kein Selbstläufer ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen und die Realität.

Hörakustikmarkt: Beste Voraussetzungen, mäßige Dynamik

Wer nur die demografische Entwicklung betrachtet, könnte die Hörakustik für eine Branche mit eingebautem Wachstumsmotor halten. Deutschland wird älter. Zugleich steigt der Anteil der Menschen mit selbst wahrgenommenem Hörverlust, die tatsächlich Hörgeräte nutzen. Und wer sich versorgen lässt, ist überwiegend zufrieden. EuroTrak Deutschland 2025 liefert dafür klare Zahlen: Der Anteil der Menschen mit selbsteingeschätztem Hörverlust, die tatsächlich Hörgeräte nutzen, stieg von rund 37 Prozent im Jahr 2018 auf 47 Prozent.

In den Fachgeschäften müsste es also sprichwörtlich brummen. Die im vorliegenden Branchenbriefing beschriebenen Auswertungen des GfK Handelspanels Hörakustik zeichnen jedoch ein zurückhaltenderes Bild: Absatz und Umsatz wachsen demnach nur um etwa zwei bis drei Prozent jährlich. Das ist kein Stillstand. Ein Boom sieht allerdings anders aus. Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob es einen wachsenden Versorgungsbedarf gibt. Sondern wie schnell dieser Bedarf zu einer konkreten Versorgung wird und welches Geschäft daraus entsteht.

Demografischer Wandel: Fast jeder Vierte ist bereits 65 oder älter

Die beigefügte Bevölkerungsgrafik macht den langfristigen Rückenwind sichtbar. Der Anteil der Menschen ab 65 Jahren steigt darin von 21,7 Prozent im Jahr 2019 auf 23,2 Prozent im Jahr 2025. Für 2030 sind 25,5 Prozent angesetzt. Die aktuelle Bevölkerungsfortschreibung von Destatis nennt für 2025 rund 19,3 Millionen Menschen ab 65 Jahren. Damit gehört bereits nahezu jeder vierte Einwohner zu dieser Altersgruppe.

Für 2033 lässt sich aus der Grafik ein Anteil von 26,6 Prozent ableiten. Hier ist allerdings die Herkunft wichtig: Dieser Wert wurde zwischen den Prognosewerten für 2030 und 2035 linear interpoliert. Er ist damit eine rechnerische Zwischenstufe, keine eigenständige amtliche Jahresprognose. Auch die genannten absoluten Personenzahlen für die Zukunft sind grobe Schätzwerte, die auf der jeweiligen Bevölkerungsgröße beruhen.

Mehr ältere Menschen bedeuten mehr Hörverlust, aber nicht automatisch mehr Kunden

Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit einer Hörminderung deutlich. Die zwischen 2010 und 2012 durchgeführte Regionalstudie HÖRSTAT liefert dafür eine wichtige Grundlage. Wissenschaftliche Auswertungen nennen etwa 20 Prozent Schwerhörige unter den 60- bis 69-Jährigen, rund 42 Prozent unter den 70- bis 79-Jährigen und etwa 72 Prozent ab 80 Jahren1.

Die häufig verwendete Faustformel, etwa jeder Zweite im höheren Alter sei betroffen, beschreibt die Größenordnung also durchaus. Als pauschaler Wert für sämtliche Menschen ab 65 Jahren ist sie jedoch zu grob. Entscheidend sind die Alterszusammensetzung, das untersuchte Hörverlustkriterium und die Erhebungsmethode.

Gerade für Marktbetrachtungen ist dieser Unterschied relevant. Ein audiometrisch festgestellter Hörverlust ist nicht dasselbe wie ein selbst wahrgenommenes Hörproblem. EuroTrak erfasst Letzteres. Wer beide Datenquellen kombiniert, erhält deshalb ein Szenario, keine präzise Absatzprognose.

Wie groß könnte der zusätzliche Kundenkreis bis 2030 sein?

Die Bevölkerungsgrafik setzt für 2030 rund 21 Millionen Menschen ab 65 Jahren an. Gegenüber den 19,3 Millionen im Jahr 2025 wären das etwa 1,7 Millionen zusätzliche ältere Menschen, ein Zuwachs von knapp neun Prozent innerhalb von fünf Jahren.

Eine bewusst vereinfachte Modellrechnung: Unterstellt man bei diesen zusätzlichen 1,7 Millionen Menschen eine grobe Hörminderungsquote von 50 Prozent, ergibt sich ein rechnerisches Potenzial von rund 850.000 zusätzlichen Menschen mit Hörminderung. Die Rechnung beschreibt also eine mögliche Veränderung über fünf Jahre. Erstversorgungen und Folgeversorgungen müssen davon getrennt betrachtet werden. Fakt ist aber: Demografie erweitert den Markt, sie füllt aber nicht automatisch den Terminkalender.

EuroTrak: Die Hörversorgung gewinnt an Akzeptanz

Neben der Alterung spricht auch die Entwicklung der Versorgung für die Branche. EuroTrak zeigt nicht nur mehr Hörgeräteträger, sondern auch bessere Bewertungen. 85 Prozent der Besitzer sagen, ihre Hörgeräte erfüllten oder überträfen die ursprünglichen Erwartungen. Rund 90 Prozent sind mit der Professionalität des Hörakustikers und dem Service während der Anpassung zufrieden.

Auch auf dem Weg zur Versorgung gibt es Fortschritte. Die Studie nennt eine Drop-out-Rate von nur noch 21 Prozent an der Stufe zwischen einer fachlichen Empfehlung zur Hörgeräteversorgung beziehungsweise einer Weiterleitung und dem tatsächlichen Beginn der Versorgung, d.h. nur jeder fünfte setzt den nächsten Schritt hin zu einer Hörversorgung nicht um. 2012 betrug diese Abbrecherquote übrigens noch satte 41 Prozent.

Konsumklima: Warum Verbraucher trotzdem auf die Bremse treten

Dem langfristigen Rückenwind steht eine kurzfristig schwache Ausgabenbereitschaft gegenüber. Im September 2026 sank die Anschaffungsneigung nach Angaben des Nürnberg Instituts für Marktentscheidungen, kurz NIM, auf minus 10,8 Punkte. Die Sparneigung stieg zugleich um sechs Zähler auf 21,5 Punkte. Ein ähnlich hohes Niveau habe es zuletzt während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 gegeben. Als unmittelbaren Belastungsfaktor nennt das NIM die hohen Energiepreise.

Das ist für die Hörakustik ein plausibler Gegenwind, aber sicher noch kein belegter Wirkungsnachweis. Die Befragung untersucht die allgemeine Verbraucherstimmung, nicht speziell Hörgeräteentscheidungen. Aber: Diese Stimmung kommt in den Fachbetrieben spürbar an. Die Umsatzschwankungen werden größer – oft ohne erklärbare Gründe im lokalen Umfeld.

So liest sich die NIM Grafik richtig

Die beigefügte Grafik vergleicht jeweils Septemberwerte und zeigt einen deutlichen Stimmungsbruch. Die Anschaffungsneigung fällt von 55,1 Punkten im Jahr 2019 auf minus 19,5 im Jahr 2022. Danach erholt sich der Wert zwar teilweise, bleibt aber bis 2026 im negativen Bereich. Das dargestellte Konsumklima sinkt im selben Zeitraum von 9,7 auf minus 26,8 Punkte.

Die Anschaffungsneigung beantwortet sinngemäß die Frage, ob es angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage gerade günstig ist, größere Anschaffungen zu tätigen. Gemeint sind beispielsweise Elektrogeräte, Möbel usw. Der Indikator misst eine Einschätzung, keine tatsächlich getätigten Käufe. Das monatliche Konsumklima wiederum wird aus Einkommenserwartung, Anschaffungsneigung und Sparneigung berechnet. Die separat erhobene Konjunkturerwartung gehört nicht zu dieser Berechnung. Das Konsumklima dient als Frühindikator für den privaten Konsum des Folgemonats.

Sparneigung ist keine Sparquote

Die roten Punkte der Grafik zeigen lediglich zwei ausgewählte Werte der Sparneigung. Sie erfasst, ob Verbraucher es angesichts der Wirtschaftslage für ratsam halten, Geld zurückzulegen. Ein höherer Wert belastet die Berechnung des Konsumklimas. Nach Angaben des NIM hat diese Vorsicht zuletzt besonders in finanziell gut ausgestatteten Haushalten zugenommen. Offenbar wollten diese Haushalte inflationsbedingte Kaufkraftverluste ihrer Ersparnisse durch zusätzliches Sparen ausgleichen. Klarer Trend: Seit 2019 hat sich die Anschaffungsstimmung damit deutlich verschlechtert.

Warum auch zahlungskräftige Senioren zögern könnten

Für ältere Kunden dürfte nicht nur die aktuelle Einkommenshöhe zählen. Auch die Sorge vor künftigen Ausgaben kann Entscheidungen beeinflussen. Rücklagen für Pflege, der Wunsch, Kinder finanziell zu unterstützen, oder die Absicherung gegen steigende Lebenshaltungskosten sind mögliche Motive.

Senioren bilden keinen einheitlichen Markt. Ein Kunde mit geringer Rente entscheidet unter anderen Bedingungen als ein vermögender Pensionär. Auch das Gegenmodell zum Vererben, gelegentlich als „SKIing“ oder „Spending the Kids’ Inheritance“ bezeichnet, ist keine belastbare Grundlage für eine allgemeine Absatzprognose.

Für Fachgeschäfte folgt daraus eine einfache, aber wichtige Erfahrung: Alter allein sagt wenig über Zahlungsbereitschaft aus. Und finanzielle Möglichkeiten sind nicht automatisch gleichbedeutend mit der Bereitschaft, sie für eine Hörversorgung einzusetzen.

Folgeversorgungen: Der Kundenbestand zählt mit

Ein wachsender Bestand an Hörgeräteträgern eröffnet logischerweise auch Potenzial für Folgeversorgungen. EuroTrak nennt sechs Jahre als mediane Nutzungsdauer der vorherigen Geräte bis zum Ersatz. Eine längere Lebenszeit nach der Erstversorgung könnte damit zusätzliche Versorgungszyklen ermöglichen. Wie viele daraus tatsächlich entstehen, hängt allerdings unter anderem vom Alter bei der Erstversorgung und vom späteren Ersatzverhalten ab.

Demografie schafft Potenzial, keine Aufträge

Der Hörakustikmarkt hat gute Voraussetzungen, aber keinen Anspruch auf automatisches Wachstum. Mehr ältere Menschen und eine höhere Versorgungsquote vergrößern den möglichen Kundenkreis. Das schwache Konsumklima liefert zugleich eine plausible Erklärung dafür, warum Bedarf nicht immer sofort in Zahlungsbereitschaft mündet. Die vereinfachte Rechnung von rund 850.000 zusätzlichen Menschen mit möglicher Hörminderung bis 2030 zeigt eine relevante Größenordnung, keinen garantierten Kundenzuwachs. Entscheidend wird sein, vorhandenen Bedarf tatsächlich zu erschließen: mit verständlicher Kostenaufklärung, nachvollziehbarem Nutzen und einer Versorgung, die zum Alltag des Kunden passt. Demografie ist Rückenwind. Die Beratung muss jedoch die Kaufbereitschaft erst in Bewegung bringen.

Quellen: How good hearing can be cared for – interim results of the scientific accompanying study on the prevention programme “Hearing and communication in long-term care facilities” (Bavaria),  https://journals.publisso.de/en/journals/zaud/volume7/zaud000066 

Nürnberg Institut für Marktentscheidungen:  https://www.nim.org/konsumklima/alle-veroeffentlichungen 

EuroTrak:  https://hearingyou.org/trak-data/ 

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