
Widex bringt Hörgerät mit extra KI-Chip: Allure AI RIC überzeugt mit Klang, Baugröße und Akkulaufzeit
Widex hat sein neues Flaggschiff vorgestellt: Das Allure AI RIC – und damit erstmals einen eigenen KI-Coprozessor in ein Hörsystem integriert. Dabei geht Widex einen anderen Weg als andere Hersteller mit zusätzlichem KI-Chip: Statt auf Bildverarbeitungs-KI zu setzen, die für Audiozwecke umtrainiert wurde, hat das Unternehmen eine KI entwickelt, die von Grund auf für Audiosignale konzipiert ist. Deshalb ist das neue Hörsystem unvergleichlich schnell, bei gleicher Akkulaufzeit und Bauformgröße wie der Vorgänger und hat gleichzeitig eine sehr natürliche Klangqualität.
V.l.n.r.: Adam Westermann, Jens Brehm Nielsen, Simon Müller, Mirko Plass, Gerd Bleier.
Das neue Allure AI RIC ist äußerlich nicht vom nicht-KI-fähigen Vorgänger Allure RIC zu unterscheiden – gleiches Gehäuse, gleiche Akkulaufzeit. Der Unterschied steckt im Inneren: Neben dem bewährten W1-Chip, der für den natürlichen Klang und die schnelle Signalverarbeitung sorgt, ist ein zusätzlicher KI-Chip verbaut. Dieser kommt gezielt dann zum Einsatz, wenn der Träger es möchte – auf Knopfdruck, über die App oder die Fernbedienung RC-DEX.
Das neue KI-Programm trägt den Namen Clarity Boost und ist als zusätzliche, bewusst aktivierbares Programm gedacht – nicht als dauerhaft im Hintergrund arbeitendes System. Simon Müller, Head of Audiology bei Widex Deutschland, betont dabei die Philosophie hinter dem Produkt: „Wir wollen eigentlich gar kein KI-System, das laufend den Klang bearbeitet, wie es gerade glaubt, den Klang bearbeiten zu müssen. Sondern dass man selbst die Entscheidung trifft.“ Der Träger soll jederzeit selbst bestimmen können, wann und ob die KI-Unterstützung zugeschaltet wird.
Das neue Widex Allure AI RIC profitiert von gleich 3 KI-Neuheiten.
Dabei sind KI-Coprozessoren in Hörsystemen bekanntlich kein völlig neues Konzept, immerhin haben einige Wettbewerber bereits vergleichbare Lösungen im Markt. Der wesentliche Unterschied liegt laut Widex in der Herkunft und Architektur der eingesetzten KI.
Viele Hörsysteme nutzen KI-Modelle, die ursprünglich für die Bildverarbeitung entwickelt und anschließend auf Audiosignale umtrainiert wurden. Das liefert zwar gute Leistung, geht laut Widex aber zulasten von Bauform, Akkugröße und Verarbeitungsgeschwindigkeit – die Klangqualität leidet, weil die Durchlaufzeit steigt.
Im anschließenden Fachwebinar erläuterte Simon Müller: : „Statt ein Bild in Audio umzuwandeln, hat Widex eine audiospezifische KI entwickelt, die speziell für den Audioinhalt konzipiert wurde.“ Aus diesem Grund bewirbt Widex seinen Clarity Boost als „erste audiospezifische KI im Hörsystem“.
Simon Müller gab im anschließend Webinar Insights über die neue Widex-KI.
Für die Verarbeitung in Echtzeit setzt Widex auf ein sogenanntes Linear Recurrent Neural Network, kurz L-RNN. Dieses Netzwerk verfügt über eine Art Kurzzeitgedächtnis: Es analysiert den Ton laufend und lernt dabei, welche Informationen es einen Moment später benötigt, um das Signal innerhalb von nur 10 Millisekunden zu bearbeiten und Sprache gezielt hervorzuheben.
Während andere vergleichbare Systeme hier mit einem festen, größeren Zeitfenster für die Klanganalyse arbeiten, nutzt Widex ein sehr kurzes Fenster – das bedeutet mehr Geschwindigkeit, aber ausdrücklich nicht weniger Information. Die relevanten Zustände werden stattdessen effizient im Kurzzeitgedächtnis zwischengespeichert, den sogenannten States. Genau dieses Gedächtnis innerhalb eines DNN ist laut Widex eine weitere Neuheit des Systems und zugleich der Grund, warum trotz kompakter Bauform und langer Akkulaufzeit keine Kompromisse bei der räumlichen Wahrnehmung nötig sind: Umgebungsgeräusche wie Vogelgezwitscher oder ein vorbeifahrendes Auto bleiben hörbar.
In der Praxis führt das zu einer SNR-Verbesserung von bis zu 5,1 dB in schwierigen Hörsituationen, wenn Clarity Boost aktiviert wird – ohne dass dabei die übrige Hörwelt ausgeblendet wird. Bei der Verarbeitungsgeschwindigkeit positioniert sich Widex nach eigenen Angaben an der Spitze des Markts: Während nicht näher benannte Wettbewerbssysteme mit KI-Co-Prozessor laut Widex bei 12 beziehungsweise 15 Millisekunden Durchlaufzeit liegen – ab 15 Millisekunden leide sogar die Sprachverständlichkeit –, arbeitet der Allure AI RIC mit 10 Millisekunden im Clarity Boost und bis zu 2,5 Millisekunden in der Standardverarbeitung, im PureSound-Programm sogar mit nur 0,5 Millisekunden.
Die Aktivierung des Clarity Boosts erfolgt wahlweise über die Allure App im Burger-Menü oben rechts, über den Taster am Hörsystem selbst oder über die Fernbedienung RC-DEX – der Wechsel zwischen Universal- und Clarity-Boost-Programm bleibt damit wie gesagt eine bewusste, aktive Entscheidung des Trägers. Ergänzend steht weiterhin AI SoundAssist zur Verfeinerung zur Verfügung.
Das Allure AI RIC selbst ist ab sofort in den beiden Technologiestufen 440 und 330 erhältlich, zusätzlich gibt es eine Demo-Variante für die Anpassung. Am Funktionsumfang der bestehenden Allure-RIC-Familie ändert sich dabei nichts: Mikrofonabdeckung für bis zu 20 dB weniger Windgeräusche, LED-Anzeige und Taster mit Dreifachbelegung, aufladbarer Li-Ionen-Akku, die Hörerausführungen V.2 M und P, SmartSpeak-Sprachansagen sowie Konnektivität über MFi, ASHA und LE Audio sind ebenso an Bord wie Freisprechtelefonie samt Call Control und eine Induktionsspule. Versorgt werden können Hörminderungen bis 110 dB HL, das System ist wie auch das bisherige Allure RIC in 10 Farben verfügbar.
Bei der Akkulaufzeit gibt es trotz zusätzlichem KI-Chip keine Abstriche: Bis zu 36 Stunden sind ohne Nutzung von Clarity Boost möglich, mit fünf Stunden Clarity-Boost-Nutzung reduziert sich die Laufzeit auf das Niveau von Streaming, also rund 32 Stunden. Streaming und Clarity Boost beanspruchen den Akku dabei gleichermaßen. Auch bei der Ladestation müssen Hörakustiker nichts umstellen: Die bestehenden Allure-Ladestationen sind vollständig kompatibel mit dem neuen System. Ebenfalls weiterhin nutzbar sind Widex TV Play 2 für die Audioübertragung von Fernseher oder Stereoanlage sowie die Fernbedienung RC-DEX, über die sich auch Clarity Boost direkt starten und stoppen lässt.
Mit dem Allure AI RIC bringt Widex nach eigener Aussage gleich drei Neuheiten auf einmal in den Markt: das erste Hörsystem mit audiospezifischer KI, das erste System mit einem Gedächtnis innerhalb eines DNN sowie das nach Herstellerangaben schnellste Hörsystem mit KI-Coprozessor überhaupt. Dabei bleibt die Bauform unverändert, die Akkulaufzeit leidet nicht, und die Anpassung wird laut Widex nicht komplizierter. Den womöglich treffendsten Schlusspunkt setzte Geschäftsführer Gerd Bleier gegen Ende der Keynote: „Wir sind die Birne unter all den Äpfeln.“
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