
Neue Signia-Plattform: Mit MaX steigt der Erlanger Hersteller vollends in KI ein – aber anders als der Wettbewerb
Eine Gartenparty ist akustisch gesehen eine Zumutung: Gespräche, Musik, Kinder lachen, Gläser klirren, der Grill zischt. Wer gut hört, blendet das meiste davon mühelos aus und bleibt trotzdem mittendrin. Doch für Hörgeräteträger ist genau das eine Herausforderung – weniger das Verstehen der Gespräche, sondern das Gefühl, wirklich Teil der Situation zu sein. Die neue Signia-Plattform möchte das ändern. Mit MaX wechselt Signia die technologische Perspektive: weg vom Einzel-Feature, hin zu einem System, das eine Hörsituation als Ganzes versteht und den Hörgeräteträger einen Teil davon sein lässt.
Am 21.8. feierte Signia bei sich in Erlangen mit 450 Gästen den größten Hörgeräte-Launch Deutschlands: Dabei lud der Hersteller zu einem Blick hinter die Kulissen ein, unterstrich ein weiteres Mal die Nähe zum unabhängigen Fachhandel und stellte die neuen Technologien rund um den Acoustic IntelligenceTM-Chip vor. Heute folgte der offizielle Start der neuen MaX-Plattform.
Signia feierte den “größten Hörgeräte-Launch Deutschlands”.
Das Fundament der neuen Plattform bilden bewährte Signia-Technologien wie Own Voice Processing, Multi Beamforming oder die Konversationserkennung. Und trotzdem wird bei MaX – ausgeschrieben Multi-adaptive Xperience – alles komplett neugedacht. Der Hintergrund: Die Vorgängerplattform IX hat die Herausforderung Sprachverstehen in nahezu jeder Situation gemeistert – aber das allein reicht eben nicht aus, um natürlich zu hören. Es stand daher ein Perspektivwechsel auf dem Plan: Funktionen dürfen nicht mehr einzeln gedacht werden, sondern müssen im Kontext zueinander arbeiten. Reale Hörsituationen entstehen schließlich nicht aus einzelnen Signalen, sondern aus dem Zusammenspiel vieler akustischer Informationen gleichzeitig.
Und genau das macht der neue Acoustic IntelligenceTM-Chip: Er orchestriert vier DNNs welche Gesprächspartner, die eigene Stimme, Umgebungsgeräusche und Störgeräusche jeweils mit einem eigenen KI-Netzwerk verarbeiten und dabei stets im Kontext zueinander stehen.
Um die neue Technologie zu verbildlichen, zieht Signia Vergleiche zur Automobilbranche: Moderne Autos verfügen über eine Vielzahl an Sensoren, die einzelne Informationen liefern – Abstand, Geschwindigkeit, Spurverlauf. Das sind viele verschiedene Funktionen, die eigenständig Aufgaben erfüllen. Wenn nun diese Informationen gebündelt und in gemeinsame Entscheidungen übersetzt werden, ist das Auto in der Lage autonom zu fahren. Und genau diesen Schritt geht Sigia mit MaX: Weg vom einzelnen Feature, das unabhängig Entscheidungen trifft, hin zu einem System, das eine Szene laufend in Echtzeit analysiert, bewertet und interpretiert.
Der Acoustic IntelligenceTM-Chip – das Rechenzentrum der neuen Hörgeräte – beinhaltet ein KI-System aus vier spezialisierten neuronalen Netzen, die permanent binaural zwischen beiden Hörgeräten Informationen austauschen:
Das Speech DNN erkennt externe Sprecher in Echtzeit – also wie viele Sprecher sich in der Umgebung befinden, in welcher Richtung und in welcher Entfernung und in welcher zeitlichen Dynamik zueinander sie sind. Dabei verarbeitet es deutlich mehr Datenpunkte pro Sekunde als die Vorgängerplattform, wodurch sich Sprecher präziser lokalisieren lassen.
Das Own Voice DNN kümmert sich um die eigene Stimme des Trägers, sorgt für eine natürliche Wahrnehmung und erkennt zudem, ob der Träger gerade selbst spricht oder einem Gespräch zuhört. Das Scene DNN analysiert kontinuierlich die Umgebung und bewertet, welche Geräusche zur Atmosphäre beitragen, welche der Orientierung dienen und welche das Sprachverstehen stören. Das Noise DNN schließlich übernimmt die gezielte Geräuschunterdrückung – auf Basis dessen, was die drei anderen Netze bereits erkannt haben.
Was das für den Träger bedeutet erklärt Signia anhand eines Beispiels: In einem gut besuchten Café würden klassische Hörsysteme vor allem den allgemeinen Geräuschpegel senken. Das Gespräch wird zwar verständlicher, gleichzeitig gehen aber wichtige Teile der Atmosphäre verloren, der Träger fühlt sich weniger als Teil des Moments.
Bei MaX erkennt stattdessen die Multi BeamformerAI (Speech DNN), wer gerade zum Gespräch gehört und aus welcher Richtung die relevanten Stimmen kommen, während die Own Voice ProcessingAI (Own Voice DNN) parallel die eigene Stimme natürlich hält und registriert, ob der Träger spricht oder zuhört. Die Ambient Scene AdaptionAI (Scene DNN) bewertet währenddessen laufend, welche Hintergrundgeräusche zur Szene gehören und welche stören, bevor die Dynamic Noise ControlAI (Noise DNN) auf dieser Basis situationsabhängig eingreift. Verlässt der Träger das Café und tritt auf die Straße, ändert sich die gesamte Situation – Verkehrsgeräusche und Orientierung werden wichtiger – und das System passt sich automatisch an.
Dass es dabei nicht nur um den Komfort des Hörgeräteträgers geht, unterstreicht übrigens der sogenannte Lombard-Effekt: Menschen passen die eigene Sprachlautstärke automatisch an die Umgebungslautstärke an. Wird die Umgebung für den Hörgeräteträger zu stark gefiltert, spricht dieser leiser als die Situation eigentlich erfordert, was wiederum sein Gegenüber vor Verständnisprobleme stellt. Auch dieses Zusammenspiel soll Acoustic IntelligenceTM berücksichtigen, indem es nur die Geräusche stärker dämpft, die tatsächlich nicht zur Szene beitragen, während etwa die Geräuschkulisse eines Cafés oder das Prasseln eines Lagerfeuers erhalten bleibt.
Wenn die Umgebungslautstärke gesenkt wird, senkt auch der Träger seine Sprechlautstärke. Die Folge: Die Gesprächspartner verstehen ihn nicht mehr.
Signia launcht die neue Plattform mit dem Signia Pure Charge&Go MaX. Der komplett neu entwickelte Chip bringt laut Hersteller die 54-fache Rechenleistung der Vorgängerplattform IX mit, bei gleichzeitig 50 Prozent effizienterer Verarbeitung und doppeltem Speicher. Trainiert wurde das System mit einer Datenbasis von 40 Millionen Sounddateien und 1,5 Millionen Stimmproben in elf Sprachen.
Überarbeitet wurde auch der Signia Assistant. Dieser läuft nun über ein Large Languge-System, wodurch man mit ihm nun in natürlicher Sprache kommunizieren kann. Endkunden können darüber rund um die Uhr Fragen zur täglichen Pflege, zu Fehlermeldungen oder auch zur Feinabstimmung des Klangs stellen, etwa wenn es in einem Restaurant zu laut oder eine Stimme zu leise ist. Das kann Rückfragen beim Hörakustiker reduzieren und Trägern ein Stück mehr Selbstständigkeit im Alltag geben. Die neuen Hörsysteme sind zudem ausschließlich mit der neuen Signia One App kompatibel.
Die Akkulaufzeit der Signia Pure Charge&Go MaX-Hörsysteme liegt bei bis zu 30 Stunden ohne Streaming, eine halbe Stunde Ladezeit reicht für bis zu sechs weitere Stunden Nutzung. Auch in Sachen Konnektivität wird es spannend: Die neuen Hörsysteme nutzen sowohl Bluetooth Classic als auch LE Audio und sind damit mit nahezu allen bluetoothfähigen Geräten koppelbar. Aber auch die Telefonspule bleibt. Für die Nutzung von Auracast muss man sich noch bis etwas Mitte März 2027 gedulden.
Das Hörsystem ist in 8 Farben erhältlich. Neu ist außerdem eine Plasma-Schutzbeschichtung für zusätzlichen Feuchtigkeitsschutz sowie eine zweifarbige Status-LED, die auch einen speziellen Betreuer-Modus unterstützt.
Auch bei der Anpasssoftware gibt es ein paar kleine Änderungen: Das First-Fit-Design bündelt alle notwendigen Voreinstellungen künftig auf einem einzigen Bildschirm, ohne dass zwischen mehreren Reitern gewechselt werden muss. Für die Feinanpassung steht ein eigener Acoustic-IntelligenceTM-Workflow bereit, über den sich einzelne Funktionen der vier DNNs gezielt nachjustieren lassen, auch wenn Signia betont, dass das System in den meisten Fällen bereits ohne weitere Anpassung gute Ergebnisse liefern soll. Auch die Datenanalyse wurde überarbeitet: Die erfassten Hörumgebungen lassen sich nun übersichtlicher darstellen und direkt mit früheren Sitzungen vergleichen, was eine gezieltere Beratung ermöglichen soll.
Signia setzt bei seinem KI-Ansatz bewusst auf ein Gesamtkonzept, statt nur einzelne Funktionen via Co-Prozessor über ein DNN zu steuern. Und das hat einen Grund: Ein zusätzlicher KI-Chip ist in der Regel auf eine einzige Aufgabe trainiert, meist auf die Geräuschunterdrückung. Das Problem: hier fehlt der Kontext. Signia hat daher eine eigene Chip-Plattform mit einem integrierten Rechenzentrum gebaut, das die vier spezialisierten DNNs integriert. Sämtliche Funktionen sind dadurch tief in den gesamten Signalweg eingebunden. Diese miteinander verknüpften Netzwerke können sich permanent gegenseitig Informationen liefern und gemeinsam im Kontext verarbeiten.
Mit MaX geht Signia damit einen durchaus drastischen Schritt: weg von der reinen Funktionserweiterung, hin zur ganzheitlichen KI-Systemarchitektur mit dem Anspruch, Hörsituationen wirklich in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Und Signias Head of Audiology & Training Sascha Haag machte während des Launch-Events deutlich: “Dieser neue Chip ist der nächste Meilenstein für die nächste Jahre, so wie es auch IX war” – wir sind gespannt, wie sich dieser Ansatz in der Praxis bewährt.
Der Beitrag Neue Signia-Plattform: Mit MaX steigt der Erlanger Hersteller vollends in KI ein – aber anders als der Wettbewerb erschien zuerst auf pro.meinhoergeraet.de .
meinhoergeraet.de
AR
Admin RSS
Kommentare
Zum Kommentieren anmelden